| 8. Tag - 12.02.2000 Zomba
Heute ist eine Extremtour angesagt. Wir starten 8.00 Uhr, um
zu Fuß das Zomba Plateau zu besteigen. Von den Mandala
Falls über den Queens und den Emperior View zu den Williams
Falls und wieder zurück. Dafür sind etwa sechs Stunden
eingeplant.
Die erste Strecke birgt noch keine großen Schwierigkeiten
in sich. Aber es wird immer heißer. Da hier ein neuer
Staudamm gebaut wird, der in zwei Monaten fertiggestellt sein
soll, kann eine frühere Abkürzung nicht mehr genommen
werden. Wir müssen einen Umweg in Kauf nehmen.
Dann beginnt der Aufstieg und der hat es in sich. Meine beiden
Männer werfen mir schon jetzt vor, dass ich mich wieder
mal nicht richtig erkundigt hätte, mir nicht bewusst wäre,
was hier auf uns zu kommt oder einfach unsere Leistungsfähigkeit
überschätzt habe. Zur Zeit gibt es nur zwei, die mit
dem Aufstieg keine Probleme haben, Helex und ich. Das wird sich
aber auch noch ändern. Helex ist klein und flink. Wer weiß
wie oft er diesen Weg zusammen mit den Besuchern der Hütte
nimmt.
Es geht einen sehr schmalen, vom Regen verwaschenen Weg, durch
abgeholzten Wald, steil nach oben. In kurzer Zeit haben wir
einige Höhenmeter zu überwinden. Die beide jammern
weiter. Die Sonne scheint mittlerweile erbarmungslos auf unsere
Köpfe und diese glühen jetzt alle in einem strahlenden
Rot. Man fühlt, wie das Herz das Blut durch die Schlagadern
den Hals hinauf in den Kopf pumpt. Jetzt müssen wir jeweils
nach zehn Schritten eine Pause einlegen und versuchen, das kleinste
Stückchen Schatten zu erhaschen. Langsam zweifle ich jetzt
auch an dieser Aktion.
Oft kommen uns einheimische Waldarbeiter entgegen. Es sind sehr
viele Frauen darunter. Sie kommen vom Berg oben und haben heute
schon ihr Holz geschlagen, das sie kunstvoll auf ihrem Haupt
tragen. Helex erzählt uns, dass sie jetzt auf dem Weg nach
Zomba sind, um dieses Feuerholz da für ein paar Kwacha
zu verkaufen. Wenn man sich überlegt, dass unsere Hütte
schon fünf Kilometer von der Stadt entfernt ist und wir
bis jetzt etwa drei weitere Kilometer zurückgelegt haben.
Wie schwach und verweichlicht wir doch sind, denke ich beschämend.
Tagtäglich gehen diese Menschen den Weg hinauf Richtung
Plateau, kehren zurück mit ihrer Last, um am Ende ein klägliches
Entgelt für diese körperliche Schwerstarbeit zu bekommen.
Angesichts solcher Begegnungen spürt man sehr stark den
krassen Unterschied zwischen uns und ihnen und man wird sich
bewusst, in welch privilegierter Welt wir doch zu Hause sind.
Oben angekommen haben wir leider wieder mal den Vogel abgeschossen.
Der gesamte Blick ins Tal ist mit Wolken und Nebel verhangen.
Es hilft auch nichts zu warten und zu hoffen, dass es sich vielleicht
noch lichten könnte. So sehen wir nichts. Wenn man von
den beiden Wasserfällen absieht (die Williams Falls liegen
auf dem Rückweg), kann man als Fazit sagen, war der heutige
Ausflug mehr Strapaze als Vergnügen.
Auf dem Heimweg kommen wir an der exklusiven Herberge, dem Ku
Chawe Inn, vorbei. Auch hier haben sich wieder die Händler
ausgebreitet. Immer, wo zahlungskräftige Kunden vermutet
werden, findet man Verkaufsstände. Die geschnitzten Sachen
sind wirklich alle sehr schön. Doch wollen wir erst am
Ende unserer Tour etwas kaufen.
Zurück in der Hütte muss gleich eine kühle Dusche
genommen werden. Was für ein herrliches Gefühl nach
dieser anstrengenden Tour. Danach lassen wir uns in die Campingstühle
auf der Terrasse nieder und genießen den Ausblick, der
im Gegensatz zum Plateau, von hier aus garantiert ist.
Nach kurzer Zeit bemerke ich, dass die Berührung meiner
Haut ein eigenartiges, überempfindliches Gefühl auslöst.
Mir ist kalt, ich zittere und bekomme eine Gänsehaut nach
der anderen. Ich entschließe mich Fieber zu messen. +37,2°C,
leichte Temperatur. Sicherlich ist das ein leichter Sonnenstich.
Oder habe ich meinem Körper zu viel zugemutet, als ich
ihn nach Ankunft sofort mit kaltem Wasser abgeschreckt habe?
Die Temperatur sinkt innerhalb der nächsten Stunde wieder
auf ihren normalen Wert ab.
Wir haben noch etwas Zeit uns mit Helex´ Kindern zu beschäftigen.
Er will unbedingt unser Auto waschen und so nehmen wir uns der
Kleinen gern an. Der Jüngste ist etwa anderthalb Jahre
alt und völlig problemlos zu handhaben. Uns ist hier schon
oft aufgefallen, dass die Kinder sehr ruhig sind. Sie sind sehr
zurückhaltend, manchmal ängstlich, nicht lebhaft und
nicht so temperamentvoll, wie wir es bei uns oft erleben. Sie
zerren nicht rum und auch von den Babys ist kein Schreien zu
hören.
Sicher geht diese Ruhe auf die ständige körperliche
Wärme und Nähe der Mutter zurück, die die Kinder
hier von Geburt an haben. Wie wir alle wissen, tragen afrikanische
Mütter, wo auch immer sie sind, ihre Babys auf dem Rücken.
Sie haben sie ständig bei sich, auch bei der täglichen
Arbeit. Die Kleinen werden nicht in einem Kinderwagen oder in
einer Wiege abgelegt und haben somit immer das Gefühl geschützt
und sicher zu sein. Kinderwagen wären hier eh fehl am Platz.
Schon wegen der hohen Unfallgefahr (tiefe Schlaglöcher).
Helex lädt uns in sein Haus ein, er möchte es uns
gern zeigen. Ein unangenehmes Gefühl haben wir, als wir
in sein Heim eintreten. Man kann die Armut ganz deutlich erkennen.
Obwohl Helex und seine Familie gegenüber anderen in diesem
Land noch einen großen Vorteil haben. Er hat einen guten
Job, sagt er selbst. Sein Verdienst ist höher als der vieler
seiner Landsmänner.
Er hat Strom und fließend Wasser, was er der Hütte
nebenan zu verdanken hat. Im Zimmer steht ein Tisch mit zwei
Stühlen, ein winziges Sofa, das mit einem dunkelroten zerschlissenen
Stück Stoff bedeckt ist. Die anderen Türen sind mit
Decken zugehängt. In der Ecke befindet sich eine rußige
Feuerstelle.
Stolz zeigt er uns die an der Wand hängenden Fotografien,
die ihm Besucher aus Deutschland, Amerika und Kanada zugeschickt
haben. Auch wir haben ihm versprochen die Fotos, die wir mit
ihm und seinen Kindern aufgenommen haben, zuzusenden. Das ist
auch selbstverständlich.
Als ich das Abendbrot zubereite, es gibt Bratwürste mit
Reis und Bohnen, überkommt mich das Mitleid. Welches Gefühl
muss dieser Mensch gehabt haben, als er uns half den Kofferraum,
reichlich gefüllt mit leckeren Sachen, auszuräumen?
Ich muss auch an die Kinder in Senga Bay denken, denen wir die
Brötchen gegeben hatten. Bin ich zu weich? Sollte man darüber
vielleicht nicht zuviel nachdenken?
Helex kommt wie auch schon gestern Abend, um das Geschirr abzuwaschen.
Heute hat er sich ein Kofferradio mitgebracht. Wir laden ihn
noch zu einer Fanta ein. Aber wir haben das Gefühl, dass
er sich hier drin nicht so richtig wohl fühlt.
Als er geht, regnet es draußen schon wieder heftig. Wir
schauen ein wenig dem Regen und dem Gewitter durch die geöffnete
Tür zu, bis wir sie schließen müssen. Es beginnt
wahrlich eine Invasion von Riesenmücken auf unserer Terrasse.
Sie tummeln sich an unserer Außenbeleuchtung. Es müssen
Tausende sein. Wir beobachten, wie sich die Geckos draußen
an der Wand ihre Opfer suchen und mit Haut und Haaren verspeisen.
Auch zwei Tausendfüßler sind an der Aktion beteiligt.
Während die Mücken so munter herumflattern, werfen
sie ihre Flügel ab und verschwinden als Würmer im
Dunkeln. Zurück bleibt am Ende eine Unmenge von Flügeln,
die Helex am nächsten Morgen wegräumt.
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