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Reisebericht
10. Tag - 14.02.2000 Lilongwe - Mzuzu Heute müssen wir unseren Opel zurückgeben. Wir wollen erst einmal sehen, wie das mit der Bezahlung läuft. Ich habe bei diesem Kerl kein gutes Gefühl. Er hat sich doch bestimmt noch etwas für uns einfallen lassen.Und wem treffen wir, als wir in den Car Park der Autovermietung einbiegen? Diesen Steven, der uns doch vor ein paar Tagen hierher geführt und uns auch das Moskitonetz für den doppelten Preis verkauft hat. Jetzt heißt es ruhig bleiben. Er besorgt nicht nur Moskitonetze sondern auch Kunden für J + K Care Hire. Wie nett, bekommt er doch sicherlich eine Provision dafür. Nun geht es ums Geschäftliche. Mein ungutes Gefühl war berechtigt. Anstatt einen Kurs von 45 (1 US$ = 45 Malawi Kwacha), legt er einen Kurs von 48 fest. Dieser hat zur Auswirkung, dass die abgemachten 350 US$ einen höheren Betrag in Kwacha ergeben, als man auf der Bank dafür je bekommen würde. Rechnen wir das nun in DM um, haben wir eingebüßt. Dieser Halunke weiß wie er an Geld kommt. Meinen Widerspruch lässt er nicht gelten und sagt, wir könnten ja zur Bank gehen und nachschauen. Hätte man wohl machen sollen, aber mit ihm gemeinsam. Ich sage ihm, dass ich jeden, den ich treffe raten werde, dieses Unternehmen mit Namen J + K Care Hire zu meiden. Was ich auch hiermit tue. Solltet ihr einmal in Lilongwe sein, Euch ein Auto mieten wollen, so erinnert Euch dieser Zeilen. Freundlicherweise möchte er uns noch dahin bringen, wohin wir gern möchten. Na, das können wir ihm doch nicht abschlagen und lassen uns zur Busstation hinter den großen Markt bringen. Nach den schweren Gewittern letzte Nacht und dem stundenlangen Regen gleicht die Straße mit ihren unzähligen Schlaglöchern einer Schlammgrube. Zu Fuß wären wir wohl knöcheltief im Matsch versunken. Wir vertrauen auch noch den Rest des Weges der Arbeit unseres Automechanikers. Die Benzinleitung hält. Mit Sack und Pack passieren wir das große blaue Tor der Busstation durch dichtes Menschengedränge hindurch. So viele Menschen wollen von hier aus mit dem Bus irgendwohin fahren. Sie starren uns an. Wir werden froh sein, wenn wir in unserem Bus sitzen und in Richtung Norden unterwegs sind. Unser Ziel heißt Mzuzu, falls die dahin vorhandene Verbindung heute von Bussen bedient wird. Wir hoffen, dass die Brücken auf diesem Weg das Unwetter von letzter Nacht unbeschadet überstanden haben. Von da aus wollen wir dann weiter nach Nkhata Bay, einem Touristenort am Lake Malawi mit karibischem Flair. Am vergitterten Schalter erfahren wir, dass der gelbe Bus genau neben diesem Gebäude in wenigen Minuten die Busstation in Richtung Mzuzu verlässt. Wir beeilen uns mit dem Einsteigen und gleich danach geht es auch schon los. Man bezeichnet Mzuzu als Hauptstadt des Nordens. Sie ist etwa 350 km von Lilongwe entfernt und der Fahrpreis beträgt umgerechnet 6 US$ pro Person. Die Fahrzeit wird auf sieben, acht Stunden veranschlagt. Also machen wir es uns erst einmal gemütlich. Noch ist es, abgesehen von halb aufgeschlitzten Sitzen, herabhängenden Lampen und Haltestangen, gemütlich. Geputzt oder saubergemacht wurde der Bus sicherlich seit seinem ersten Einsatz vor schätzungsweise 30 Jahren nie wieder. Hin und wieder kommen wir an Haltestellen, wo Leute mit ihrem Gepäck zusteigen. Manchmal werden die Taschen und Säcke auch auf dem Dach verstaut. Wir kommen an einen Kontrollpunkt der Polizei. Auf unserem Weg nach und von Zomba hatten wir ja schon einige passiert. Doch der Bus stoppt und fährt links an den Straßenrand. Die Leute stehen auf und bewegen sich mit samt ihrem mitgeführten Gepäck Richtung Ausgang. Ein junger Mann sagt uns, wir sollen auch unsere Rucksäcke nehmen und nach draußen gehen. Dies sei eine Gepäckkontrolle. Jeder hat seine großen und weniger großen Taschen zu öffnen und die Männer in Uniform tasten sich durch den Inhalt. Danach dürfen wir alle wieder in den Bus steigen. Die Kontrolle hat sich schnell auf eine halbe Stunde ausgedehnt. Wir fahren weiter und kommen gegen Mittag in Kasungu an, einer etwas größeren Stadt, in der sich wieder eine Busstation finden lässt. Händler bieten hier ihre Waren an und man kann kaufen was das Herz begehrt, soweit die eigenen Ansprüche nicht zu hoch sind. Das Sortiment reicht von gegrilltem Mais, gekochten Eiern, Donats, Hähnchen mit Chips über Coca Cola, Fanta, Bananen, Ananas. Man muss also auf einer längeren Busfahrt in Afrika nicht hungern und dursten. Wir werden unterwegs noch auf weitere kleine Stützpunkte dieser Art treffen. Und da kommt auch schon die nächste Polizeikontrolle. Das gleiche Spiel wie heute Vormittag beginnt. Alle Personen verlassen wieder mit Sack und Pack den Bus. Jetzt will man auch mal unsere Pässe sehen, fragt ob wir Besucher sind und ob es uns denn in Malawi gefällt. Wieder unterwegs frage ich einen mitreisenden jungen Mann, der schon seit Lilongwe mit uns im Bus sitzt, welche Bedeutung diese Kontrollen haben. Diese Straße, sagt er, sei der Hauptverkehrsweg von Tansania über Malawi nach Moçambique. Auf dieser Strecke wird nach Schmuggel- und illegal eingeführten Waren gesucht. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass bei diesen Kontrollen etwas gefunden wird. Es ist Nachmittag und theoretisch müssten wir nach der vorausgesagten Fahrzeit in etwa ein oder zwei Stunden ankommen. Aber wir hatten wieder einmal vergessen, dass wir in Afrika sind. Hier kann man sich nicht auf Zeit- oder Entfernungsangaben verlassen, die sowieso ständig variieren. Planen ist hier genauso fehl am Platz. Oder man plant stündlich neu, da sich stets etwas ändert oder verzögert oder gar nicht erst existiert. Hier gibt es immer noch einen obenauf, wenn man denkt, dass sei schon die Krönung. Trotzdem können wir nicht mehr allzu weit von Mzuzu entfernt sein, als wir auf einen Speedlink Bus treffen, der seinen Geist aufgegeben hat. Der Name bedeutet "Schnellverbindung". Eigentlich gibt es das Wort "schnell" doch gar nicht in Afrika? Schon eine ganze Weile warten die Reisenden auf ihre Rettung, sprich auf uns. Nun wird gequetscht und gedrängelt, was das Zeug hält, um eine gesamte Busbesatzung in unserem doch schon heillos überfüllten Bus unterzubringen. Es passt immer noch jemand oder etwas rein. Weiteres Gepäck wird auf dem Dach verladen. Danach folgen Diskussionen unter den Fahrern, den Kassierern und den Fahrgästen. Sogar den hinteren Insassen wird es schon ungemütlich im Bus, und sie rufen nach Weiterfahrt. Es wird wärmer und stickiger hier drin. Man kann kaum noch atmen ohne das einem übel wird. Endlich kann es weiter gehen. Die Sonne ist schon hinter den Bäumen verschwunden und nähert sich sicherlich schon dem Horizont, um in Kürze da zu verschwinden. Das bedeutet, wir werden erst nach Einbruch der Dunkelheit ankommen. Mittlerweile sitzen wir zusammengepfercht zwischen stillenden Müttern, großen Koffern und gackernden Hühnern. Eine der Hennen beschäftigt sich mit Jens´ Beinbehaarung. Die junge Frau, die mit auf meinem Sitz Platz genommen hat, kramt aus ihrem Tuch ein zermatschtes Maisbrötchen und krümelt sich und mich damit voll. Wenn es hier drin nur nicht so stickig und übelriechend schweißig wäre. Der Bus schleppt sich mit seiner enormen Fracht die Steigungen hinauf, dass man nebenbei einen Reifen wechseln könnte. Er droht auseinander zu brechen oder wenigsten stehen zu bleiben. Einmal läuft eine ganze Weile ein kleiner Junge lachend nebenher. Während der Bus langsam den Berg hinauf kriecht, beginnt es jedes Mal nach verbranntem Gummi zu riechen und wenn man durch die Heckscheibe schaut, sieht man eine große schwarze Qualmwolke. Diese verschwindet vorerst wieder, wenn wir mit Höchstgeschwindigkeit in ein Tal rasen und Häuser und Bäume nur so an uns vorüberfliegen. Jetzt ist auch wieder vorübergehend die Frischluftzufuhr gewährleistet. Ab und zu bremst der Fahrer, sicherlich will er kontrollieren, ob die Bremsen immer noch funktionieren. Wir vertrauen ihm. Plötzlich halten wir kurz vor der Kuppe eines Berges an. Das kann nur bedeuten, dass etwas nicht in Ordnung ist. Womöglich ist doch irgend etwas in Brand geraten, beginne ich nun etwas ängstlich nachzudenken. Zusätzlich sitzen wir noch ganz hinten, völlig zugebaut. Da ich aber in den Gesichtern der Einheimischen keine Furcht erkennen kann und sich auch niemand auf den Weg nach draußen macht, kann es nur einen anderen Zusammenhang haben. Einen recht simplen. Wir sind an einer Haltestelle und es steigt noch jemand zu. Ab und zu halten wir im mittelsten Busch an und entlassen einige Fahrgäste. Weit und breit kein Haus und keine Hütte zu sehen, verschwinden sie mit ihren Taschen und Säcken zwischen den Bäumen. Die geplante Fahrzeit ist schon lange überschritten und ich muss wieder einmal nachfragen, wie lange wir noch unterwegs sind. Ich lasse mich immer wieder zu diesen sinnlosen Fragen hinreißen, sind doch die Antworten unrealistisch und nutzlos. Sage und Schreibe kommen wir nach zehn Stunden Fahrt in Mzuzu an. Als Fazit kann ich sagen: Dies war meine bis dahin längste, unbequemste, stickigste, beängstigendste, gleichzeitig aber lustigste, interessanteste, unglaublichste Busfahrt meines Lebens. Es ist einfach schwer in Worten zu beschreiben. Auch ich habe vorher von Busfahrten in Afrika gelesen, aber wenn man es nicht einmal selbst erlebt hat, kann man es nicht nachempfinden. Wahnsinn. Wir brauchen noch eine Bleibe, und wieder ist es Lonely Planet, der uns die Wahl abnimmt und uns schon ein guter, verlässlicher Freund geworden ist. Dank an David Else, der durch Malawi reiste und alle Informationen sorgfältig zusammengestellt hat. Fast jeder Reisende, den wir unterwegs treffen, besitzt dieses Buch. Es ist auch wärmstens zu empfehlen. Das CCAP (Church of Central Africa Presbyterian) Resthouse wird uns heute Nacht beherbergen. Es befindet sich in der Nähe der Busstation und so haben wir es, wenn mir morgen nach Nkhata Bay weiter wollen, nicht weit. Ein Vierbettzimmer ist noch frei für uns. Und da wir allein bleiben möchten, kaufen wir die zusätzliche, vierte Schlafstätte dazu. Bei einem Preis von 5,- DM pro Bett kein Vermögen. Jetzt haben wir auch Platz, unsere Sachen auszubreiten. Nach dem Waschen (Duschen ist hier aus hygienischen Gründen oder besser gesagt, wegen unseres europäischen Ekelgefühls, nicht angebracht) begeben wir uns in den Speiseraum. Ich muss noch erwähnen, dass die Zimmer selbst und auch die Betten sehr sauber und ordentlich sind. Auch das Abendessen ist wirklich hervorragend. Man kann wählen zwischen Beef und Chicken mit Chips, Reis oder Nsima. Dazu gibt es Gemüse. Wir bekommen so viel auf den Teller, dass wir es gar nicht wegbekommen. Wenn wir den Preis von 3,- DM pro Essen bedenken, ist es das Beste, was wir bis jetzt bekommen haben. Insgesamt gesehen ist das Essen in Malawi ohnehin recht gut und auch verträglich für unsere Mägen. Wir hatten nicht einmal Probleme mit Durchfall. Wenn ich da z. B. an Sri Lanka denke, wo etwas exotische Gewürze verwendet werden, die für unseren Geschmackssinn und für unsere Verdauungsorgane nicht immer geeignet sind. Nsima hatte ich in Annie´s Lodge schon einmal probiert. Es geht zu essen, ist aber nichts besonderes. Ich würde es mit einer Art Grießbrei vergleichen, der lediglich mit Wasser zubereitet wurde. Also etwas lasch im Geschmack ist. Die Einheimischen formen mit den Fingern der rechten Hand kleine Bällchen daraus und tauchen sie in die Soße. Satt gegessen gehen wir nach der Anstrengung des heutigen Tages zu Bett. Bis uns in der Nacht wieder ein Gewitter weckt.
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