2. Tag - 18.01.2002 Douala
Das Foyer des Marins, auch als Deutsche Seemannsmission bekannt,
ist als ein erster Anlaufpunkt in Douala sehr zu empfehlen.
Da die Seemannsmission, wie der Name schon vermuten lässt,
nicht nur bei Reisenden beliebt ist, sondern auch Seeleuten
Quartier bietet, sollte man bereits von Deutschland aus eine
Reservierung vornehmen (douala@Seemannsmission.org). Die 7 Zimmer,
die gegenwärtig zur Verfügung stehen, sind schnell
ausgebucht.
Dieses idyllische Plätzchen im Herzen Doualas ist auch
unsere erste Unterkunft in Kamerun. In einer kleinen Seitengasse
gelegen, umgeben von gewaltigen, dichten Hecken, nimmt man hier
kaum einen Laut des Straßenlärms vom nahegelegenen
Boulevard de la Liberté war. Unter einem Sonnenschirm
am kleinen Pool sitzend, vergisst man schnell wieder, dass da
draußen, direkt vor der Tür, die Armut ihr Zuhause
hat.
Begibt man sich jenseits dieser Mauern, kehrt die Wirklichkeit
der afrikanischen Großstadt umgehend zurück. Schon
der kurze Weg zur Hauptstraße vor ist gesäumt von
kläglichen Wellblechhütten, an denen die teils offenen
Abwasserkanäle entlang führen.
Noch vor einigen Jahren barg dieser Stadtteil für Weiße
einige Risiken und es kam auch am hellerlichten Tage zu Überfällen.
Dies soll sich weitestgehend nach einer Razzia der Polizei gegeben
haben. Dennoch warnt unser Reisehandbuch aus Sicherheitsgründen
vor Streifzügen durch Douala. Man sollte sich davon jedoch
nicht abschrecken lassen. Beachtet man einige Hinweise und geht
mit offenen Augen durch die Stadt, kann man sich getrost zu
Fuß durch die Straßen bewegen.
Der Boulevard de la Liberté ist eine Art Flaniermeile,
auf der man alles finden kann, was das Herz begehrt. Die meisten
Banken haben hier ihren Sitz sowie die großen Hotels.
Vor Supermärkten, deren Regale randvoll mit allen nur denkbaren
westlichen Produkten gefüllt sind, sitzen bewaffnete Sicherheitskräfte.
Und direkt davor bieten die unzähligen, fliegenden Straßenhändler
ihre Waren feil. Bettler, meist Behinderte, die ihr einziges,
zerlumptes Hemd auf dem Körper tragen, das sie besitzen,
und Geschäftsleute, die im eleganten Anzug aus einem großen
Mercedes steigen, zeichnen ein Bild von Arm und Reich, wie es
krasser nicht sein kann.
Die erste Bank, auf der wir Geld tauschen möchten, nimmt
noch keine Euros entgegen. Dies soll erst im nächsten Monat
geschehen. Überdies erfahren wir später, dass Reisende,
die Ende letzten Jahres mit ihrer DM nach Kamerun kamen, kaum
noch eine Chance hatten, dafür CFA Francs zu bekommen.
Die Banken waren und sind wegen der neuen Währung verunsichert
und verzichten lieber kurzzeitig auf diese Devisen.
Die Standard Chatered Bank hat sich bereits mit dem Euro arrangiert
und wir stellen uns in die lange Menschenschlange des Schalters
für ausländische Zahlungsmittel.
Aufgelöst tritt ein junger Amerikaner an uns heran und
entrüstet sich über die unverschämt hohe Gebühr,
die die Bank für den Tausch von US$-Reiseschecks verlangt.
Sage und Schreibe 20% der Gesamtsumme werden als "Commission"
einbehalten. Da Reiseschecks im allgemeinen mit einer höheren
Tauschgebühr belastet werden, entschieden wir uns ohnehin
nur Bargeld mitzunehmen. Jedoch wollen wir uns zuerst einmal
nach dem Prozentsatz für den Tausch erkundigen. Dazu kommt
es aber gar nicht mehr, denn ein Mann, vom Aussehen her ein
südländischer Typ mit Goldkettchen behangen, spricht
uns an. Er hat eben ein paar Millionen CFA Francs abgehoben.
Nach seiner Herkunft befragt, stellt er sich vor. Sein Name
ist George, er ist gebürtiger Libanese und besitzt ein
Restaurant in Douala. Wie könnte es auch anders sein. Libanesischen
Geschäftsleuten begegnet man im gesamten afrikanischen
Raum, von Kinshasa bis Dakar. "Welche Währung wollt
ihr tauschen? Euros? Wenn ihr möchtet, können wir
ins Geschäft kommen, ohne dass für euch irgendwelche
Bankgebühren anfallen."
Im ersten Moment sind wir ein wenig skeptisch. Aber der Deal
geht zügig und reibungslos vonstatten und innerhalb weniger
Minuten befinden sich in meinen Schuhen, auf Georges Rat hin,
ein paar Tausend CFA Francs: "Versteckt euer Geld an verschiedenen
Stellen, aber habt immer einen 10.000er Schein bei der Hand.
So habt ihr bei Überfällen das nötige Kleingeld,
um die Diebe zufrieden zu stellen. Wenn sie gar nichts in den
Taschen finden, erscheint dies unglaubwürdig und sie beginnen
zu suchen." Das klingt zwar nicht gerade erbaulich, aber
es leuchtet ein. Wir werden uns das zu Herzen nehmen.
Jetzt stehen wir etwas hilflos vor der Bank und überlegen,
was man in Douala mit einem angebrochenen Tag machen könnte.
Die Stadt bietet außer Straßenlärm und Slums
nicht viel mehr, als die meisten afrikanischen Millionenstädte
und das alles in einem mörderischen Treibhausklima, das
einem den Schweiß aus den Poren treibt.
Wir erinnern uns an den Tipp, den uns heute Morgen ein Amerikaner
gab: "Um sich ein Bild von der Stadt zu machen, setzt ihr
euch in ein Taxi und lasst euch ein wenig durch die verschiedenen
Viertel chauffieren. Das ist meine Vorgehensweise, wenn ich
auf Reisen bin und nicht so recht weiß, wohin oder was
tun."
Der Taxifahrer, der seiner eigenen und der französischen
Sprache mächtig ist (die eine beherrschen wir genauso wenig,
wie die andere), hat wohl unser Anliegen nicht so recht erkannt
und fährt wahllos durch die Straßen. Auf Grund der
Verständigungsprobleme bleiben unsere Fragen offen, die
uns Aufschluss über etwaige Sehenswürdigkeiten geben
könnten. Mein Französisch begrenzt sich auf die Vorstellung
meiner Person und ein paar Redewendungen. Zu wenig für
ein Land, dessen Hauptverkehrssprache französisch ist.
Als wir eine große Kathedrale erblicken, lassen wir den
Fahrer halten und steigen aus. Die Sightseeingtour per Taxi
hat uns nicht viel mehr gebracht als das, was wir schon am Vormittag
von Douala sahen.
Allerdings erscheint dieser alles überragende Bau von Kirche
einen Besuch wert. Die Kinder der dazugehörigen Schule
haben wohl eben ihre große Hofpause und stürmen,
als sie uns erblicken, auf uns zu, noch bevor wir das kühle
Innere aufzusuchen können. Als die Mädchen und Jungen
unsere Kamera entdecken, beginnen sie zu posieren. Jeder möchte
mit auf dem Foto sein und die Größeren schieben die
Kleineren zur Seite. Als die Lehrer zum Unterricht rufen, sind
wir entlassen und der eben noch belebte Schulhof gleicht binnen
kurzer Zeit einem riesigen, leeren, sonnendurchfluteten Platz.
Die angenehme Kühle der Kirchengemäuer wird von ein
paar Gläubigen gerade zum Gebet genutzt. Etwas abseits
lassen wir uns auf einer der Bänke nieder und beobachten
das Geschehen schweigend. Ein Schwarzer, der in der Reihe nebenan
sitzt und den wir erst gar nicht wahrgenommen haben, kommt zu
uns und begrüßt uns freundlich per Handschlag. Unbekannterweise.
Danach nimmt er wieder Platz und beginnt sein Gebet. Die Afrikaner
bringen einen immer wieder zum Erstaunen.
Auf dem Friedhof, der auf der anderen Seite der Straße
liegt, lassen sich noch einige Überreste aus deutscher
Kolonialzeit entdecken. Zwischen den Ruhestätten aus heutiger
Zeit findet man vereinzelt noch verwitterte Grabsteine, deren
Inschriften deutsche Namen tragen. Unsere Landsmänner hatten
es damals nicht einfach, an der von tropischen Krankheiten beherrschten
Küste Westafrikas, die schlechthin als White Man´s
Grave bezeichnet wurde. Die meisten von ihnen starben schon
in jungen Jahren an Malaria oder wurden bei Auseinandersetzungen
mit einheimischen Stämmen getötet. Mag es zu dieser
Zeit noch ein außergewöhnliches Abenteuer gewesen
sein, in die unbekannten Gebiete des schwarzen Kontinents vorzudringen,
gab es doch für viele keine Rückkehr in ihr Heimatland.
Unter den schattenspendenden Bäumen vor dem Friedhof gibt
es noch eine Wiedersehensfreude. Der nette Kirchengänger
von vorhin ruft sich uns in Erinnerung, indem er uns erzählt,
dass er es war, dem wir in der Kathedrale begegnet sind. Hat
er auf uns gewartet oder steht er nur zufällig hier rum?
Jetzt wird der Grund für seine besonders zuvorkommende
Begrüßung auch offensichtlich. Er bittet uns konkret
um finanzielle Hilfe. Als Opfer des Bürgerkrieges in Sierra
Leone hat er Zuflucht in einem der vielen anderen armen Länder
seines Kontinents gesucht. Er kam nach Kamerun. Der Fetzen Papier,
den er uns unter die Nase hält, beinhaltet seine Personalien
samt Passfoto.
In solchen Situationen ist es nicht immer ganz einfach, die
richtigen Worte zu finden, um taktvoll abzulehnen. Denn es ist
schlichtweg unmöglich, jedem etwas zu geben, so gern man
auch manchmal möchte. Denn da draußen gibt es so
viele, die in dieser Gesellschaft nicht die geringste Chance
haben, jemals in ihrem Leben dem Elend und der Armut zu entfliehen.
Die Bedürftigsten der Bedürftigen sitzen an den Ampeln
der Straßenkreuzungen, vor den wohlgefüllten Supermärkten
und schicken Hotels. Gezeichnet von Missbildungen, verkrüppelt
oder blind, versuchen sie gemeinsam von den Passanten ein Almosen
zu erbetteln. Es zeigt sich uns oft ein erschreckendes, ungewohntes
Bild. Aber es ruft uns auch ins Bewusstsein, in welch privilegierter
Welt wir zu Hause sind.
Auch nach Einbruch der Dunkelheit bleibt Douala eine feuchtheiße
Stätte, die einem das Atmen erschwert und den Kreislauf
zu Höchstleistungen anregt. Unsere lange Kleidung, die
wir angelegt haben, um uns vor den Moskitos zu schützen,
klebt unangenehm am Körper. Die Haare sind und bleiben
feucht und trocknen nur vorübergehend, wenn man sie mit
einem Fön bearbeitet. So geräuschvoll die Klimaanlagen
auch sein mögen, sie ermöglichen einem den Schlaf
in diesem Treibhaus. Ihr monotones Brummen wirkt sogar beruhigend,
wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat.
Das Foyer des Marins ist am Abend ein beliebter Treffpunkt der
Weißen, vornehmlich für Expatriaten. Man trifft sich
hier gern auf ein Bier oder ein Brouchette (Fleischspieß)
vom Grill. Herr und Frau Posselt, die derzeitigen Betreiber
der Seemannsmission, kümmern sich aber auch um die wenigen
Reisenden, geben Tipps und Ratschläge.
Unsere Flugtickets sowie unsere übriggebliebenen Wintersachen
hinterlassen wir bei Katharina, der netten, jungen Kamerunerin
an der Rezeption, die ein sehr gutes Deutsch spricht. Morgen
beginnt die Reise in das Innere des Landes und wir blicken voller
Erwartung den kommenden Erlebnissen entgegen.
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